antike Rahmen
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Rahmengeschichten

Sie finden die Geschäftsräume von Olaf Lemke in der Eisenacher Straße in Schöneberg: Im Erdgeschoß das Geschäft, im ersten Stock die Galerie. Seine Rahmensammlung ist eine besondere. Bei ihm dürfen die Rahmen aus dem 15. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ihr Alter zeigen.

Die einen durch die Auflösung ihrer Vergoldung, wodurch die Grundierung sichtbar wird, bei anderen entsteht durch die jahrhundertelange Oxydation eine lebendige Patina. Diese Rahmen bevorzugt Olaf Lemke für Bilder des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst besteht darin, die altersbedingte Farbgebung der Rahmen aus den frühen Jahrhunderten mit den Farben der Gemälde des 20. Jahrhunderts spielen zu lassen. So entsteht ein bereicherndes Zusammenspiel von alt und neu, Rahmen und Malerei: Antike Rahmen mit Bildern zum Beispiel von Pablo Picasso, Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Max Ernst, Max Liebermann. So rahmt Olaf Lemke seit 40 Jahren berühmte Sammlungen, unter anderem die von Ulla und Heiner Pietzsch oder Heinz Berggruen. Auch für Museen wie die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, das Rijksmuseum in Amsterdam, die National Gallery in London und die National Gallery of Art in Washington war Lemke tätig.

Besucht man Olaf Lemke in seinen Räumen, begrüßt er einen freundlich und offen. Er ist umgeben von etlichen Rahmen, teilweise drei oder vier ineinander gehängt. „Das ist ökonomisch“, so Lemke, „um so viel wie möglich zu zeigen.“ Manche sind nach Jahrhunderten geordnet, andere nach Themen. Jeder der antiken Rahmen ist ein kostbares Unikat. Einst bildeten sie eine untrennbare Einheit mit dem Bild, das sie einfassten. Je hochwertiger das Bild war, desto höher war die Qualität des Rahmens. Und umgekehrt. „Wenn man zurückgeht bis ins 15./16. Jahrhundert, war der Rahmenmacher dem Maler ebenbürtig. Es konnte sogar vorkommen, dass das Bild erst nach der Rahmung zu Ende gemalt wurde. Rahmen wurden nach den Entwürfen von Bildhauern und Architekten entworfen, wie zum Beispiel von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Johann August Nahl d.Ä. unter Friedrich II. in Berlin oder in München von Joseph Effner und François Cuvilliés.“ erklärt Olaf Lemke. Deshalb wird bei ihm auch kein Rahmen verkleinert, denn Rahmen und Bild müssen auf den Millimeter übereinstimmen. Man schneidet ja auch keinen Cézanne oder Picasso zurecht. Auch Rahmen sind Kunstwerke.

Rückblick

Olaf Lemke wurde 1936 in Berlin geboren. Sein Vater war Bildhauer, seine Mutter beschäftigt mit der Erziehung der drei Kinder. Seine Lehrjahre als Vergolder verbrachte er 1954 – 56 bei den Firmen Sprengel & Sohn und bei Wormuth & Sohn in Berlin. Nach seiner Lehre las Lemke ein Inserat in der WELT-KUNST: „Suche Vergolder, Fa. F.A. Pollak, London“. Friedrich Pollak, einst der berühmteste Rahmenkunsthändler Berlins, musste Deutschland 1938 verlassen. Er besaß in den 20er Jahren die Rahmen-Firma „Pygmalion“ in der Kurfürstenstraße in Berlin. In England beeinflusste er die darniederliegende Rahmenkultur maßgebend. Der Einwand von Lemkes Vater lautete: „Jüdische Firma, sie könnten dich spüren lassen, dass du Deutscher bist!“ Trotzdem ging Olaf Lemke nach London. Pollak ließ ihn seine Herkunft nie spüren. Im Gegenteil, er wurde herzlich aufgenommen.

 In seiner Londoner Werkstatt bildete Pollak die neue Generation von jungen Rahmenhändlern aus. So wie Olaf Lemke lernten auch Herman Guttman und Paul Levi dort, die sich Jahre später als renommierte Rahmenhändler aus New York, London und Berlin wieder treffen sollten. Lemke blieb drei Jahre. Er lernte das Restaurieren von Rahmen und das Anfertigen von Rahmen-Kopien, die so gut waren, dass Original und Kopie kaum noch von dem Kunden unterschieden werden konnte. 1959 verließ er London und kehrte heim nach Berlin.

1961 bekam er das Angebot der Firma Wormuth & Sohn, Teilhaber zu werden. Olaf Lemke hatte in London Erfahrungen sammeln können beim Einkauf alter Rahmen als Investition in die Zukunft. Dies aber führte nun zu Differenzen mit Werner Wormuth: „Wir wollen kein Museum sein.“ Daher trennten sich ihre Wege 1969.

Im selben Jahr gründete er mit seiner Frau Johanna ein eigenes Geschäft. Sein Lehrherr Georg Sprengel gab ihm einen Tipp: „Komm nach München, ich habe in Spanien Rahmen eingekauft, das müsste dich interessieren.“ Und es interessierte ihn. Denn Spanien war ein Weltreich gewesen, deshalb fand man dort Rahmen aus Antwerpen, Italien, Frankreich, Deutschland und natürlich Spanien selbst. Olaf Lemke erzählt: „Spanien war ein Rahmenparadies. Bei jedem Trödler: Rahmen über Rahmen. Die standen einfach an den Wänden. Bald sprach sich herum: ‚Da kommen Alemannen, die kaufen Holz. Altes Holz!‘ Wir kauften damals 120 Rahmen, davon die Hälfte aus dem 16. Jahrhundert. Heute unvorstellbar!“

antike Rahmen

Ganz so einfach blieb das nicht. Die Verhandlungen zogen sich bei späteren jährlichen Reisen oft über Stunden hin. Da brauchte man starke Nerven. Lemke: „Manche Händler, vor allem Zigeuner, zeigten uns bis zu hundert Rahmen. Da hatte die ganze Sippe gesammelt. Und die war auch bei den Verhandlungen dabei, bis zu zehn Personen. Wir waren nur zu dritt: Meine Frau Johanna, unser Freund Alberto und ich. Alberto hatte ihnen unser Kommen angekündigt. So erwarteten sie Alemannen mit viel Geld. Was wir aber gar nicht hatten. Wir hatten unsere  Preisvorstellungen aufgeschrieben. Die Verhandlungen zogen sich hin. Schließlich: Abbruch. Ich tat so, als würde ich sie mit großer Herzlichkeit auf das nächste Jahr vertrösten: Amigos, hasta la proxima año. Wir stiegen ins Auto, starteten. Bevor wir losfuhren, Klopfen am Fenster. Alberto flüsterte uns zu: Sie haben unser Angebot akzeptiert.“ Gleiche Szene, gleicher Ablauf in Cordoba, Sevilla, Granada, Barcelona, San Sebastian, Zamora, Santiago de Compostela, Madrid, Valencia, Cuenca, Salamanca, Segovia. Zwanzig Jahre lang, jedes Jahr 10.000 Kilometer.
Lemke kaufte also altes Holz. Hunderte Rahmen! Von der Renaissance bis zum Klassizismus. Das wurde der Grundstock des neu gegründeten Geschäftes.

Heute ist Olaf Lemke einer der fünf renommiertesten Rahmenhändler Europas, aus England, Frankreich, der Schweiz und Deutschland – und eben aus Berlin. Sie arbeiten gern kooperativ miteinander, man kann sagen: Sie sind freundschaftlich verbunden. Ihr Bestreben ist es, antike Rahmen zu bewahren und in die heutige Zeit zu integrieren.